Geschichte
+++ Jetzt auch laktosefreie Gerichte +++
Für den "historisch" Interessierten
 
Das Haus Kupferschmiedestr. 13 (Bürgerstelle 591) hat in den letzten 15 Jahren vermutlich für mehr Gesprächsstoff in Hameln gesorgt, als in den vorangegangenen ca. 400 Jahren seit seiner Erbauung.

1977 wurden überraschend reiches Schnitzwerk und gotische Inschriften entdeckt. Die Stadt Hameln als Hauseigentümerin erkannte, dass dieses atypische Durchgangsdielenhaus (das Eingangsportal und die hintere Ausfahrt sind diagonal versetzt) mit der über zwei Geschosse reichenden Eckutlucht eine bauhistorische Seltenheit darstellt. Eine aufwendige Sanierung folgte; allein die Arbeiten am Fachwerk dauerten mehr als ein Jahr.

Was niemand wissen konnte, der "Kunststoff-Fortschritt" forderte Tribut. Reichlich verwandte Kunstharze (Epoxide) und atmungsinaktive Acrylfarben bedingten die Verrottung selbst von "eisenharter" Kernholz-Eiche in wenigen Jahren.

 
   
vorher nachher
   
1988 wurde eine erneute Sanierung des Hauses unumgänglich. Dieser zweite finanzielle Kraftakt der Stadt Hameln verdient entgegen häufig zu hörender Kritik Anerkennung. Führende Sanierungsfachleute (u.a. der sogenannte Fachwerkpapst M. Germer) betreuten die Arbeiten. Das gesamte erneuerte Fachwerk wurde nach alter Zimmermanns-Handwerkskunst gebaut; alle Fachwerkverbindungen wurden nur aus Holz erstellt. Stahlwinkel und -laschen, Metallnägel- und schrauben wurden nicht verwendet. Auch insofern stellt das Haus heute eine Besonderheit dar, die, anstelle der häufig angestellten Kostenspekulationen, Würdigung verdiente.

Als glücklicher Umstand kann gewertet werden, dass gerade während dieser zweiten Sanierung

Frau Dr. Ch. Wulff
Mitarbeiterin
der Akademie der Wissenschaften
Göttingen

für Ihr Buch "Die Inschriften der Stadt Hameln" in Hameln recherchierte. Sie nahm sich der bisher nicht eindeutig geklärten Schriften am Haus Kupferschmiedestraße 13 an und rekonstruierte diese in beharrlich kompetenter, z.T. "kriminalistischer" Feinarbeit.

Am Schwellbalken des 2. Obergeschosses der Giebelseite ist nun wieder zu lesen:

Ni deus [dificet]frustra domus
illa paratur quam uolet humanus [constituisse labor]

Wenn Gott nicht das Haus baut, das der Mensch mit seiner Mühe erbauen will, wird es vergeblich erbaut.

Die Ergänzung des Textes erfolgte auf der Grundlage einer in Hannover nachgewiesenen Inschrift (Burgstr. 28) mit demselben Wortlaut.

Sicut aues pullis simili ratione pa[rentes] [Non sibi sed proli] nidificara solent. Sed Deus [hos ser] uat stabiles et tecta tuetur A quo coniugij lexq[ue] decusq[ue] venit Benedictio Domini divites facit

Wie die Vögel für ihre Jungen, so pflegen auch die Eltern nicht für sich, sondern für Ihre Nachkommen das Nest zu bauen. Aber Gott bewahrt diese dauerhaft und beschützt das Haus. Von Ihm kommt das Gesetz und die Zier des Ehestandes. Der Segen des Herrn macht reich.

Schon im 15. Jahrhundert wurden die Hollenstedes, wie sie damals hießen, in Hamelner Urkundenbüchern erwähnt. Im Verzeichnis des Stiftszehnten (1470-1480): Bartold Hollenstede als Lehnherr von Stiftsländereien; in den Registern des Ratsherren: 1509 Johann, 1516 Bertold, 1567 Tönnies als "Slachtherren", sie hatten die Aufsicht über die Wehre, die damals Slachten genannt wurden. 1551 Nolte als Ziegelherr, 1561 als Feuerherr, 1565 als Brokeherr (Einzieher von Strafgeldern). Thomas Hollenstede war 1601 Bürgermeister.

Frau Dr. Wulf zufolge waren die Hollenstedes nicht Erbauer der Bürgerstelle 591 sondern ab 1560 Eigentümer, die es möglicherweise umbauten. 1561 erhielt das Haus die "Braugerechtsame" d.h. es durfte Bier gebraut und verkauft werden.

Erbauer waren vermutlich die Familien Bewandt und Scherer (Scher) um 1530. Das würde auch die nur bedingt lesbaren Wappenbeischriften über dem Türsturz erklären. (Neben dem linken nicht eindeutig zuzuordnenden Wappen wäre die Buchstabenfolge bewa dt möglich, neben dem rechten Wappen, das drei Krebsscheren zeigt, ist der Name scherr zu lesen). Links über dem Türbogen steht der Name hollenstede, der aus Gründen der Symetrie aber nicht dem Wappen zuzuordnen ist.

Quellen:
DWZ v. 12.01.1980 u. 17.03.1990; pers. Aufzeichnungen von Frau Dr. Wulf:"Die Inschriften der Stadt Hameln"
von Dr. Christine Wulf